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Interview mit FIDE-Meisterin Nadja Jussupow

Frau Jussupow, Sie gehören zur 1. Mannschaft des Schachklubs Krumbach (SKK) und haben soeben nach 5 Stunden Spielzeit die Partie gegen einen Spieler des Post-SV Memmingen gewonnen. Man spürt die Anspannung der Spieler, wie sie konzentriert nachdenken - manchmal sehr lange - bis sie einen Zug  ausführen. Bereiten Sie sich auf ein Spiel mental vor und wie stellen Sie sich auf den Gegner ein?

Schachspielen ist immer Stress und macht trotzdem Spaß. Aufgrund der ELO-Zahl kennt man die Spielstärke des Gegners, aber er darf wie bei allen Sportarten auch nicht unterschätzt werden. Ich stelle mich konzentriert auf das Spiel ein und versuche mit strategischem Denken zum Erfolg zu kommen.

 

Sie sind FIDE-Meisterin. Wie wird man FIDE-Meister und welches Bewertungssystem liegt dabei zugrunde?

Ich bin seit dem Jahr 2005 FIDE-Meisterin. Frauen können nach den Regeln des Weltschachverbandes ab einer ELO-Zahl von 2100 FIDE-Meister (FM) werden. Die ELO-Zahl ist die Wertungszahl eines Schachspielers auf internationaler Ebene und kann über Schachturniere bzw. über die Mannschaftsspiele der Vereine erreicht werden.

 

 

Sie sind mit einem der stärksten Großmeister im Schach, Artur Jussupow, verheiratet. Er wurde 1977 Juniorenweltmeister U 20 und erreichte dreimal das Halbfinale bei den Qualifikationswettkämpfen für die Schachweltmeisterschaft. Seine beste Weltranglistenplatzierung war der 3. Platz, den er 1986 und 1987 hinter Garri Kasparow und Anatoli Karpow belegte. Wann sind Sie mit ihrem Mann von der Sowjetunion (SU) nach Deutschland umgesiedelt?

Wir haben 1991 in der damaligen SU geheiratet. Im selben Jahr sind wir nach Deutschland umgezogen, weil uns  das Leben dort zu gefährlich wurde. Die SU stand kurz vor ihrer Auflösung in selbständige Unionsrepubliken. Wir nutzten die Chance zur Ausreise, da wir als  Schachspieler Ausweise für Auslandsaufenthalte hatten. Durch die Einladung eines Freundes meines Mannes wohnten wir zuerst in München und später in Bad Wiessee. Seit 1996 besitzen wir die deutsche Staatsangehörigkeit und leben jetzt in Weißenhorn. Mein Mann spielte in den 90er Jahren in der Schachmannschaft des FC Bayern, die damals mehrfach Deutscher Meister wurde. Später wechselte er zum Schachklub Solingen, wo er heute noch in der 1. Bundesliga spielt. Mit der Nationalmannschaft des Deutschen Schachbundes gewann er im Jahr 2000 sensationell bei der Olympiade in Istanbul die Silbermedaille.

 

Seit wann spielen Sie beim SKK und was war der Anlass, sich für diesen Verein zu entscheiden?

Veranlasst durch den Umzug nach Weißenhorn suchte ich einen guten Verein in der Nähe unseres Wohnortes und kam dadurch 1999 zum SKK. Seitdem spiele ich dort, wo wir mit der 1. Mannschaft auch in die 2. Bundesliga aufstiegen, die Klasse aber nicht halten konnten.

 

Auch Ihre Kinder Katja und Alexander sind engagierte und talentierte Schachspieler. Welche Erfolge konnten Ihre Kinder im Schach bisher erzielen?

Katja und Alexander sind auch Mitglieder beim SKK, wobei Katja nach ihrem Studium derzeit mit Schach kürzer tritt. Sie ist FIDE-Meisterin und wurde drei Mal deutsche Jugendmeisterin, zum ersten Mal mit 8 Jahren. Sie gehörte zum Kader der deutschen Nationalmannschaft der Damen. Alexander ist mehrfacher bayerischer Jugendmeister, spielt auf Weltebene und in der 1. Mannschaft des SKK. Er hat sein Studium bereits mit 22 Jahren beendet und bereitet sich auf seine Promotion vor.

 

Schach steht im Mittelpunkt der Familie Jussupow. Ihr Mann und Sie sind als Schachtrainer tätig. Würden Sie uns etwas über Ihre Aktivitäten erzählen?

Die Schachakademie Jussupow bietet jedes Jahr Seminarturniere und Schachseminare an. Mein Mann ist FIDE Senior Trainer. Dieser Titel ist die höchste Auszeichnung des Weltschachverbandes FIDE für Trainer. Er hat u.a. auch den Spitzen-Großmeister Anand (Indien) bei Turnieren betreut. Außerdem ist er Verfasser von mehreren Schachlehrbüchern. Ich trainiere Skype-Gruppen mit Spielern unterschiedlichen Alters und Spielstärke und biete Fördertraining in Schachvereinen an.

 

Worin unterscheidet sich der Schachsport in der früheren SU vom Schachsport in Deutschland? Welche Bedeutung hat Schach als Denksport auf Schule und Beruf?

In der SU war Schachtrainer ein anerkannter Beruf mit Diplom und setzte ein 4-jähriges Studium voraus. Dadurch wurden auch viele Talente gefördert. In Deutschland wird der Trainerschein in Kursen erworben. In der SU war Schach nicht Breitensport wie in hier Deutschland, wo Schach meist in Vereinen angeboten wird. Selbständigkeit und Zielstrebigkeit gehören zu jedem Sport. Denksport vermittelt strategisches Denken und Realitätswahrnehmung. Dazu gehört auch die Einteilung von Kraft  und Zeit, verbunden mit der Selbstkontrolle von Emotionen.